Pfingstsonntag

 

 

Apg 2, 1-11

Gal 5, 16-25

Joh 15, 26-27; 16, 12-15

 

            Der Geist ist das Leben Gottes selbst. In der Bibel ist er Synonym für Lebendigkeit, Dynamik und Neuheit. Der Geist war es, der die Mission Jesu belebte und ist auch an der Wurzel der Mission der Kirche zu finden. Das Pfingstgeschehen führt uns zum Herzen selbst der christlichen und kirchlichen Erfahrung: eine Erfahrung neuen Lebens mit universaler Bedeutung.

 

            Die erste Lesung (Apg 2, 1-11) bietet uns die Erzählung vom Pfingsttag. In ihr wird die Erfüllung der Verheissung Jesu erzählt, welche er am Ende des Lukasevangeliums und am Anfang der Apostelgeschichte machte (Lk 24, 49: "Und ich werde die Gabe, die mein Vater verheißen hat, zu euch herabsenden. Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet"; Apg 1,5.8: "Ihr aber werdet in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft ... ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen"). Mit dieser Erzählung vertieft Lukas einen grundlegenden Aspekt des Ostergeheimnisses: der auferstandene Jesus hat der entstehenden Gemeinde den Heiligen Geist gesandt und sie so zu einer universalen Mission befähigt. Der Bericht beginnt mit einigen Angaben bezüglich der Zeit, dem Ort und den in das Geschehen miteinbezogenen Personen. Alles ereignet sich "als der Pfingsttag gekommen war" (Apg 2,1). Pfingsten ist ein jüdisches Fest, besser bekannt als Wochenfest" ( Ex 34, 22; Num 28, 26; Dtn 16,10.16; etc.) oder "Erntefest" (Ex 23, 16; Num 28, 26; etc.), welches man sieben Wochen nach dem Paschafest feierte. Allem Anschein nach wurden in einigen jüdischen Kreisen späterer Epochen an diesem Fest die grossen Bundesschlüsse Gottes mit seinem Volk gefeiert, vor allem jener vom Sinai, in Verbindung mit der Gesetzgebung. Auch wenn Lukas diese Thematik nicht in seiner Pfingsterzählung einbezieht, so war ihm sicherlich diese Tradition bekannt, und es ist wahrscheinlich, dass er die Gabe des Geistes - vom auferstandenen Jesus gesendet - mit der Gabe des Gesetzes am Sinai in Verbindung gesetzt hätte. In der Gemeinde von Qumran - also zeitgleich mit Jesus -  zum Beispiel, wurde Pfingsten zum Fest des Neuen Bundes, welcher die Ausgiessung des Geistes Gottes über das neue und gereinigte Volk versicherte (vgl. Jer 31, 31-34; Ez 36). Weiters schreibt Lukas: "alle befanden sich am gleichen Ort" (Apg 2,1). Mit diesem Hinweis möchte er betonen, dass die Anwesenden nicht nur durch einen gemeinsamen Ort, sondern vor allem im Herzen miteinander verbunden waren. Obgleich nicht von einer kultischen Versammlung die Rede ist, so wäre es doch nicht unvorstellbar, dass Lukas die Gläubigen im Gebet versammelt und auf das Kommen des Geistes wartend sich vorstellte, und zwar in jener Weise, wie auch Jesus betete als der Geist auf ihn bei der Taufe herabkam (Lk 3,21: " Und während er betete, öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam ... auf ihn herab"; Apg 1,14: "Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern").

 

            "Da kam plötzlich vom Himmel herab ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren" (Apg 2,2). Obwohl die Jünger in Erwartung der Erfüllung der Verheissung des auferstandenen Herrn waren, so erfüllte sie sich dennoch "plötzlich", in unerwarteter und überraschender Form. Auf diese Weise wird unterstrichen, dass es sich hier um eine göttliche Manifestation handelt, und dies schon deswegen, weil das Wirken Gottes nicht berechnet und vom Menschen vorausgesehen werden kann. Das Brausen kommt vom "Himmel" her, d.h. vom Ort der Transzendenz, d.h. von Gott her. Sein Ursprung ist also göttlicher Natur, und sein Trönen ist gleich einem heftigen Windstoß. Der Evangelist will das Kommen des Heiligen Geistes als eine Kraft, eine Macht und Dynamismus beschreiben, und gerade deshalb war der Wind das geeignete kosmische Element, um dies auszudrücken. Ausserdem werden sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen Wind und Geist mit dem gleichen Wort ausgedrückt ( hebr.: ruah; griech.:  pneuma). Auf diese Weise erscheint es nun keineswegs aussergewöhnlich, dass der Wind einer der biblischen Symbole für den Heiligen Geist ist. Denken wir zum Beispiel an die Geste Jesu im Evangelium, als er seine Jünger "anhauchte" und ihnen sagte: "Empfangt den Heiligen Geist" (Joh 20, 22), oder an die Vision der Gebeine in Ez 37, wo der Wind-Geist Gottes bewirkt, dass sich die Knochen wieder mit Sehnen und Fleisch überziehen und so das neue Volk Gottes erschafft.

 

            "Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder" (Apg 2,3). Lukas bedient sich noch eines anderen kosmischen Elementes - welches häufig verwendet wurde, um die göttlichen Manifestationen im Alten Testament zu beschreiben - und zwar des Feuers, welches ein Symbol Gottes, seiner unbezwinglichen Kraft und seiner Transzendenz ist. Die Bibel spricht von Gott als dem "verzehrenden Feuer" (Dtn 4, 24; Jes 30, 27; 33, 14), oder "der ewigen Glut" (Jes 33,14). Alles, was mit ihm in Kontakt kommt - gleich wie beim Feuer - wird umgewandelt. Das Feuer ist ausserdem Ausdruck des Geheimnisses der Transzendenz Gottes. In der Tat, der Mensch kann das Feuer nicht in seinen Händen halten, immer entflieht es ihm; und dennoch umhüllt ihn das Feuer mit seinem Licht und gibt ihm Wärme. Ähnlich verhält es sich mit dem Geist: er ist mächtig, unbezwinglich und alles übersteigend.

 

            Das Geschehen, welches in den vv. 2-3 mit Bildern beschrieben wurde, konkretisiert sich nun in v. 4: "Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt". Gott selbst erfüllt mit seiner Macht alle Anwesenden. Er teilt sich aber nicht mit bloß irgendeinem Hilfsmittel mit, sondern mit der Fülle seiner göttlichen Macht, welche in der Bibel mit jener Wirklichkeit identifiziert wird, die sich Geist nennt. Es handelt sich hier um ein einzigartiges Geschehen, welches das Kommen der messianischen Zeiten ankündigt und welches auf immer im Herzen der Kirche verankert bleiben wird. Von diesem Augenblick an ist der Geist eine dynamische und sichtbare Gegenwart im Leben und in der Sendung der christlichen Gemeinschaft. "Und sie begannen, in fremdem Sprachen zu reden, wie es ihnen der Geist eingab" (v.4). Die innere und verwandelnde Kraft des Geistes, welche zuvor in den Bildern des Windes und des Feuers beschrieben wurde, wird nun zur Kommunikationsfähigkeit, welche ein Zeichen für das Ende der alten Trennung zwischen den Menschen auf Grund der Sprachverwirrung in Babel ist (Gen 11). In Jerusalem - nicht im Haus der Jünger, nicht im abgeschlossenen Raum einiger weniger Auserwählter, sondern im offenen Bereich, wo sich Menschen aus allen Nationen befinden (v.5), auf dem Platz und auf der Strasse - stellt der Geist die Einheit aller Menschen her und beginnt die universale Mission der Kirche. Die in der Erzählung vom Turmbau zu Babel verurteilte Sünde ist jene der egoistischen Sorge der Menschen, welche sich verschließen und die Existenz anderer Gruppen nicht akzeptieren, sondern die um eine Stadt herum bleiben wollen, deren Turm den Himmel berührt. Am Pfingsttag ist der Geist gekommen, um den Menschen zu vergeben und sie zu erneuern, damit sich nicht mehr die Tragödien - verursacht durch Rassismus, ethnische Abriegelung und religiösen Integrismus - wiederholen. Der Geist von Pfingsten eröffnet eine neue religöse Erfahrung in der Geschichte der Menschheit: die universale Mission der Kirche. Das Wort Gottes wird, durch die Hilfe des Geistes, nach und nach in allen Sprachen verkündet und in allen Kulturen inkarniert. Am Pfingsttag geschah es, dass die Menschen, die von allen Teilen der Erde kamen "sie in ihrer Sprache reden hörte" (v. 2, 6.8). Die Gabe des Geistes, welche die Kirche am Anfang ihrer Mission erhält, befähigt sie, in verständlicher Weise zu allen Völkern der Erde zu sprechen.

 

            Die zweite Lesung (Gal 5, 16-25) beschreibt den neuen Zustand des Menschen, der "in Christus" lebt, als ein neues Leben, gekennezeichnet durch die Freiheit vom Fleisch ("egoistische Begehren") und vom Gesetz ("jeder Zwang und äusserliche Norm"). Die christliche Ethik, im Sinne von Verantwortlichkeit und Freiheit, hat ihre Wurzel im sich Führen lassen vom Geist, der Liebe und Leben ist. Es ist dies ein Leben in Freiheit, das weder vom Fleisch noch vom Gesetz bestimmt wird und ganz auf die Liebe ausgerichtet ist. Eine Freiheit, die darin Bestand hat, dass sie in jedem Augenblick durch die Kraft und die Gande des Geistes innerlich geführt wird. Das Gesetz hingegen bedeutet Verpflichtung und Last; was jedoch vom Geist kommt, verwirklicht  sich auf natürliche und spontane Weise. Die Werke des Fleisches und die Frucht des Geistes sind nicht ein bloßer Laster- und Tugendkatalog, sondern Beispiele, welche die inneren Konsequenzen zweier verschiedener Weisen, das Leben auszurichten, zeigen. Auch wenn die Tendenzen des Fleisches ständig den Menschen begleiten, erinnert Paulus dennoch, dass es möglich ist, das Fleisch mit seinen Verlangen und Leidenschaften zu "kreuzigen", und zwar auf die Weise, dass Christus und der Geist das bestimmenden Prinzip unseres Tuns und unseres Lebens werden.

 

            Das heutig Evangelium (Joh 15, 26-27; 16, 12-15) besteht aus zwei Texten aus dem Johannesevangelium. Der erste Text (Joh 15, 26-27) betont, dass der Geist von Jesus Zeugnis ablegen wird, und so die Jünger befähigt, selbst den Sinn ihrer Existenz und ihrer Mission im Lichte Christi zu verstehen und anzunehmen und ihnen schliesslich die Kraft gibt, Zeugnis vor der Welt abzulegen. Der zweite Text (Joh 16, 12-15) bezieht sich auf den Geist als Verteidiger ("Paraklit") und Meister, und nennt ihn "Geist der Wahrheit". Die Wahrheit ist das Wort Jesu und die Sendung des Geistes ist es, "in die ganze Wahrheit zu führen", d.h., den Jüngern zu helfen, alles von Jesus in der Vergangenheit Gesagte und Gelehrte zu verstehen, um zu bewirken, dass sein Wort immer lebendig und wirkmächtig sei, um in jeder Situation Leben und Mission der Jünger zu erleuchten.

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Silvio José Báez, OCD, Tiempo de callar y tiempo de hablar. El silencio en la Biblia Hebrea, ediciones del Teresianum, Roma 2000.